Texte

Die Texte:

Auf der Suche nach der wiedergefundenen Zeit (M.Schürholz)

Gedanken zur Gastfreundschaft von Schwester Philippa Rath aus dem Hildgegard Kloster Bingen

Gibt es schon Erdbeeren (M.Schürholz)

Artikel aus Buddhismus Aktuelle zum Thema “Was nährt”

 

Auf der Suche nach der wiedergefundenen Zeit 

Ich habe immer gerne und viel gekocht. Für mich ist Kochen ein Geschenk. Es lässt mich die Welt mit den Händen begreifen, und es sorgt für mein eigenes und das körperliche Wohlbefinden anderer Menschen. Dennoch empfinde ich nicht selten ein gewisses Unbehagen über die Aufgabenverteilung in meiner Partnerschaft. Mein Liebster räumt ein paar Mal pro Woche Teller in die Spülmaschine und auch wieder heraus, und er übernimmt hier und da einen Einkauf. Um des Ausgleichs willen würde ich ihm gern vorschlagen, dass er mich von Zeit zu Zeit zu einem auswärtigen Essen einlädt. Ich weiß, er würde diese Entlastung seines Gewissens gerne annehmen, zumindest solange wie er noch mit seinem „Ich kann nicht kochen“ schmunzelnd kokettiert (denn er weiß sehr wohl, dass selbst die Gourmet-Ratte Remy in dem Film „Ratatouille“ zum Chefkoch avanciert).

Aber bislang habe ich ihm diesen Platz auf der Küchenwippe noch nicht angeboten. Ich käme nämlich in Verlegenheit! Wohin könnten wir bloß gehen?

Auswärtsessen ist schwierig geworden

Auswärtsessen hat sich über die Jahre für mich als immer schwieriger erwiesen. Meine Nase ist feiner geworden, meine Zunge unbestechlicher und mein Sinn für Stimmigkeit immer genauer. Während ich als Kind für jede Gelegenheit, bei der ich Wienerschnitzel, Pommes und Sprite bestellen konnte, dankbar, und als Teenager glücklich über Pizza mit Salat war sowie mich in meinen Zwanzigern durch eine Einladung in ein Sternelokal sehr geschmeichelt fühlte, wurde es ab dreißig problematisch. Ich fand immer mehr Unstimmigkeiten. Die hochpreisigen Adressen tendierten zu einem immer künstlicheren Drapieren, die weniger ambitionierten fingen ihre niedrigeren Preise durch minderwertige Waren auf. Meinen Genuss beeinträchtigte auch, dass ich begann, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Ich habe in den letzten dreißig Jahren in den verschiedensten Restaurants rund um die Welt gearbeitet, in der Küche, im Service und im Management. Im sogenannten ersten vegetarischen Restaurant Münchens war Mikrowelle an der Tagesordnung. Vorgekochtes wurde wieder erhitzt, damit die Bestellungen in rasanter Geschwindigkeit nach draußen gehen konnten. Der Koch war durchgeschwitzt, rauchte in jeder erdenklichen Pause und machte anzügliche Witze. In einem New Yorker Lokal für opulente italienische Nachspeisen arbeiteten und schliefen bambusdünne Vietnamesen im Basement. Ihr Englisch beschränkte sich auf Worte wie „Chocolate Fudge; Caramel Icecream; crushed Pecans“. Sie sahen selten das Tageslicht. Jahre später sortierte ich auf engstem Raum Salate in eine viel zu kalte Theke, frittierte Tempe und Frühlingsrollen in dunklem Öl und arrangierte Schichtdesserts aus Fertigpulver in tulpenförmigen Gläsern. Obgleich in „dem“ Veganer der bayrischen Metropole alle Zutaten das Biosiegel trugen und Jack Johnson sang, stimmte etwas mit diesem Essen nicht. Jedes Mal, wenn ich nur ein wenig davon aß, fühlte ich mich unwohl. Das Team war müde, arbeitete viel zu lange Schichten und war weniger als unterbezahlt. Ärger hing in der dicken Luft, Wochen schon.

Liebe geht durch den Magen

Aus dreißig Jahren Gastronomieerfahrung kann ich viele Beobachtungen zusammentragen, die begründen, warum das Essen, das in den allermeisten Restaurants auf dem Teller kommt, nicht viel mit Qualitäten zu tun hat, die wir lebendiger, natürlicher und „hausgemachter“ Nahrung zuschreiben, geschweige denn mit dem Etikett „wie bei Muttern“ in Verbindung bringen. Denn etwas in unserem Beziehungsgefüge stimmt ganz und gar nicht. Die meisten werden ahnen, wovon ich spreche, auch diejenigen, die dieses Essen produzieren oder verkaufen. Es gibt eine Qualität „im“ Essen, die sich nicht greifen oder messen, sehr wohl aber spüren lässt! Wenn wir ihr begegnen, dann fühlen wir uns angenommen, zufrieden und tief im Innern genährt. „Bio“, „Regional“ und „Saisonal“ sind Hinweise in die richtige Richtung, aber sie vermögen diese Qualität nicht aus sich heraus zu erzeugen. Selbstverständlich schmeckt besser, was nicht vergiftet und vom Licht der Sonne auf heimischen Böden geküsst wurde und nicht unreif Tausende von Flugkilometer halb erfroren hinter sich hat. Seine Integrität wurde geachtet, seine Substanz ist natürlicher, sprich heiler. Aber diese Qualitäten alleine genügen nicht, damit das Herz und die Seele genährt werden. Eine Menschheit von Essern bezeugt es durch das Sprichwort: „Liebe geht durch den Magen.“

Alles schwingt

Das, was da durch den Magen geht, ist die Beziehung, in welcher der Koch oder die Köchin zu allem Lebendigen steht bzw. wie sie schwingt. Denn die Substanz, so der langjährige Leiter des Max-Planck-Instituts für Physik in München, Hans-Peter Dürr, existiert eigentlich nicht. „In der subatomaren Quantenwelt“, so Dürr, „gibt es nur Bewegungen, Prozesse, Verbindungen, Informationen. Im Grunde gibt es Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit.“ Was uns heute neu vorkommt, weil es unser objektfixiertes Denken erschüttert, ist uralt. Die Inder hatten dafür einen Begriff: „Nada Brahma“ – alles ist Klang. Und etwas von diesem Wissen ist auch in den Metropolen der Moderne nicht verloren gegangen. Über 200 000 frisch und am heimischen Herd zubereitete Essen werden täglich allein in Mumbai von den sogenannten Dabbawallahs (Essensbehältermännern) pünktlich an den jeweiligen Arbeitsplatz des Empfängers gebracht. (Erst kürzlich machte der Kinofilm „Lunchbox“ ein größeres Publikum auf dieses Phänomen aufmerksam.)

Das ist Ayurveda, die Weisheit vom Leben. Es ist die Schwingung, die für unser Wohlbefinden entscheidend ist. Und beim Essen, das uns zu Beginn so innig mit dem Leib der Mutter verband, können wir sie, ohne dass wir dafür Begriffe finden müssten, sehr fein differenzieren. Wir nennen unsere Erfahrung Geschmack, aber dieser Geschmack hängt vielleicht nur zu seinem kleinsten Teil in den verwendeten Gewürzen.

Eine heilige Kultur der Gastlichkeit

Unsere gastronomische Kultur ist an einem Punkt angekommen, an dem wir uns nicht mehr weiterentwickeln werden, wenn wir unsere Fixierung auf das Was, Wann, Von-Wo und Wie bzw. Wieviel nicht erweitern. Gutes, den ganzen Menschen nährendes Essen lässt sich nur dann zubereiten, wenn wir bewusst hinzunehmen, was die Welt tatsächlich im Innersten zusammenhält. Dürr nennt es „die Beziehungsgefüge“. Und diese sind umfassend. Sie meinen alle horizontalen Beziehungen, z. B. zwischen Gästen und Gastgebern, Küchenpersonal und Service, Zulieferern und Bauern, und zugleich Beziehungen in alle übrigen Richtungen, unter die Erde und hinauf in den Himmel. Denn im großen Beziehungsgefüge des Lebens ist alles mit allem verbunden.

Wer sich heute für einen „Quantensprung“ und eine neue Kultur der Gastlichkeit entscheidet, der beginnt Beziehungsqualität zu gestalten. Zukünftig werden sich nicht nur immer mehr Menschen gegen die tägliche Tötung von Millionen Tieren entscheiden. Sie werden auch unterscheiden können, ob ein fleischloses Essen in einem umfassenderen Sinne bekömmlich und heilsam ist. Unsere Speisen haben eine heilende und damit eine „heilige“ Qualität, wenn sie im Geist der Verbundenheit erzeugt, zubereitet und geteilt werden. „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ – lud da nicht einer seine Freunde ein, bei jedem Mahl einen Geist der liebenden Verbundenheit zu leben? Eine „heilige Kultur der Gastlichkeit“ ist am Göttlichen und das heißt am Guten orientiert. Sie vertraut darauf, dass es eines jeden Menschen Herzensanliegen ist, sich als Teil eines großen harmonischen Zusammenklangs zu erfahren. Und „heilige Gastlichkeit“ geht davon aus, dass ein jeder dazu fähig und dabei freudig bereit ist, die Verantwortung für ein stimmiges Sein, in sich und mit seiner Umgebung, zu übernehmen.

Der „Sacred Hospitality Award“

Weil ich meinem Liebsten noch immer kein Lokal in unserem Tal vorschlagen kann, habe ich beschlossen, mich diesem bedauerlichen Zustand in größerem Umfang zu widmen. Vielleicht löse ich auf längere Sicht so nicht nur mein Problem.

Ins Leben gerufen werden soll eine Auszeichnung, welche den gastronomischen Betrieben, die Teil eines großen Bewusstseinswandels sind oder werden wollen, fördernd zur Seite steht. Der „Sacred Hospitality Award“ möchte eine Kultur fördern, in der Menschen sich ihrer Möglichkeiten bewusst werden, Beziehung untereinander und mit der Welt qualitätsvoll zu gestalten. Der Award bekräftigt, dass im Gewebe des Lebens alles mit allem zusammenhängt und wir aufgrund unserer Haltung Stimmigkeit und Synergien mit den Lebenskräften erzeugen.

Der SaHo Award macht auf fünf grundlegende Haltungs- und Handlungsfelder aufmerksam, die sogenannten Tore zu einer heiligen Gastlichkeit. Welche dieser Qualitäten die Betreibe individuell entwickeln wollen, legen sie selber fest. Bei der Erreichung der selbst formulierten Ziele möchte die Stiftung „Sacred Hospitality Award“ behilflich sein.

Anders als bei den bislang üblichen Prämierungen gastronomischer Leistungen durch die bekannten Marktführer (Michelin, Gault & Milleau, Varta etc.) geht es hier nicht um anonyme Besuche und entsprechende Bewertungen. Diejenigen Betriebe, die sich entscheiden, das Siegel des „Sacred Hospitality Award“ zu beantragen, werden im Vorfeld über die Leitideen des Awards und dessen Fragestellungen in Form eines Prüfleitfadens aufgeklärt. Die Prüfung dient der Entwicklung von Verantwortung für die eigenen Möglichkeiten, ein lebendiges System von Beziehungen durch Stimmigkeit nach innen wie nach außen zu steuern.

Ein Beitrag zur kollektiven Entwicklung

Viele der existierenden Prämierungssysteme haben nicht selten eine Kultur gefördert, welche ausschließlich den Interessen von Einzelnen dient. Immer wieder haben sich diese als wenig heilsam für das gesellschaftliche und ökologische Gesamtgefüge erwiesen. Die sogenannten „kostenlosen“ Prüfungen gehen auf Kosten Zahlreicher und werden durch die Ausbeutung von Menschen und der Erde bezahlt. In einem fast ausschließlich auf Wettbewerb und Profit ausgerichteten Markt sind die jeweiligen Auszeichnungen ein äußerst willkommenes Vertriebs- und Marketinginstrument. Doch heizen sie ein Gegeneinander an, wo doch ein Miteinander für das Wohl aller wesentlich wäre.

Mit dem SaHo Award möchten wir die alten Marktstrategien aufgeben und einen Kräftefluss stärken, der entsteht, wenn wir im Paradigma der Verbundenheit mit den Gesetzen des Kosmos und in Übereinstimmung mit der Matrix des Schöpferischen arbeiten. Unsere Arbeit verstehen wir als ein Geschenk, Hilfestellung für ein Engagement zu geben, das Verbundenheit fühlbar, also energetisch und aromatisch erlebbar macht. Dabei dienen die über Beiträge für den Award erwirtschaften Erlöse und die eingehenden Spenden den Zielen der Sa-Ho-Stiftung. Sie möchte zu einer heiligen Gastlichkeit der Verbundenheit beitragen, in der wir einander durch unsere Wachheit beschenken sowie die Gaben dieser Erde teilen und genießen.

Die wiedergefundene Zeit

Wenn es Orte gäbe, wo ich spüren kann, dass wir zusammen am großen Wandel arbeiten, erleben kann, dass hier Brüder und Schwestern kochen und servieren, die im Einklang mit dem Geschenk des Lebens atmen, dann täte ich nichts lieber als wieder auswärts zu essen. Wenn wir – die Gäste auf dieser Welt – wieder lernen, Menschen zur Feier eines gemeinsamen Mahles am Tisch des Guten willkommen zu heißen, als wären wir Verwandte, dann kann vielleicht wieder stattfinden, wozu Jesus aufrief, „zu seinem Gedächtnis“. Und wenn ich schmecken könnte, dass in unserem Dorfgasthaus Menschen wirken, die glücklich sind, weil die dortige Haltung mit ihrem Herzen übereinstimmt, die Produkte geehrt und die Arbeitszeiten und -räume unterstützend sind und sie sich in ihrer Tätigkeit aus der Tiefe wertgeschätzt und gewürdigt fühlen, dann würde vielleicht ins Wirtshaus das Göttliche einziehen, denn wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind, da finden wir diesen heilenden Geist.

 

Kennen Sie den schon erwähnten wunderbaren Walt-Disney-Film „Ratatouille“? Er ist u. a. eine herrliche Persiflage auf die sogenannte „Küche der Stars“ und deren Parolen. Entsprechend tritt in ihm auch der allseits gefürchtete Restaurantkritiker Antoine Ego auf. Aber welch Wunder: In dem Moment, in dem die Küche vom gewaltigsten Teamgeist belebt wird, den Paris je gesehen hat – einem riesigen Ratten- bzw. Schattenclan, da wird sein Herz berührt. Und plötzlich erinnert sich der Große Ego an den kleinen Antoine und reist ganz ähnlich wie Swan in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit dem Geschmack eines Gerichtes zurück in seine Kindheit und das so lange verloren geglaubte Paradies. Dieses Paradies lässt sich nicht im Nachkochen von Großmutters Rezepten wiederfinden. Es lebt vielmehr in einer Erfahrung, die wohl die meisten von uns einmal gemacht haben: Nahrungsaufnahme kann eine tiefe Erfahrung von Eingebunden- und Angenommensein vermitteln. Denn dort, wo Essen mit einer aufmerksamen Hinwendung auf alle Beziehungsebenen verbunden ist, kehren Beglückung und dankbare Zufriedenheit ein.

Marietta Schürholz

 

Gedanken zur Gastfreundschaft Sw. Rath

Gibt es denn schon Erdbeeren

Seiten aus BaE 1-15 “Mit Wahrheit bewirten”, erschienen in Buddhismus Aktuell

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